Balu, der Hütekater

Balu ist ein Kater. Balus Frauchen ist ein kleines Mädchen namens Amelie (Namen geändert), das gerne mit einem anderen Mädchen namens Sara (Namen geändert) spielt, das ich gut kenne. Die Mama hat mir nun diese nette Geschichte erzählt.

An einem Nachmittag besuchte Amelie Sara zum Spielen, im Schlepptau befand sich Balu. Balu wohnt eigentlich nur ein paar Straßen weiter. Er bliebt aber während des gesamten Spielenachmittags den beiden Mädchen an der Seite. Meine Freundin hat das mit Faszination beobachtet. Irgendwann hatten die Mädchen eine Badewanne mit Wasser gefüllt und wollten Balu baden. Ich wurde zwischenzeitlich immer per WhatsApp über den aktuellen Stand aufgeklärt. Ich empfahl für dies Unterfangen Jod und Pflaster zu organisieren. Die beiden überlegten es sich aber anders und badeten stattdessen ihre Füße.

Als Amelie dann abends nach Hause ging, zog auch Balu mit von dannen. Er hatte den ganzen Nachmittag auf sein Frauchen aufgepasst, gehütet quasi.

Und es geht noch weiter: Wenn die Familie spazieren geht, dann geht Balu natürlich mit. Allerdings ist ihm meistens der Rückweg zu weit, so dass er sich dann unten in den Kinderwagen legt und fahren lässt. Ein schlauer Kerl. Hauptsache dabei. Und die Familie hüten, fast wie ein Hütehund, ach ne – ein Hütekater!

In diesem Sinne
Ihre Tierarztfrau

Irgend so ein Olm

In Slowenien gibt es den Grottenolm. Und zwar nur hier. Er lebt zusätzlich noch in der Hermannshöhle in Deutschland und in Zagreb im Zoo – diese Olme stammen jedoch ursprünglich aus Slowenien. Denn der Olm lebt ausschließlichn unterirdisch im Karst. Eine Tropfsteinhöhle mit Zugang zu den Olmen befindet sich in Postojna. Mein Mann interessiert sich natürlich sehr für dieses faszinierende Tier: Grottenolme können bis zu 100 Jahre alt werden, kommt bis zu 12 Jahre ohne Nahrung aus, wird mit Augengeboren, später aber blind.

Nun waren wir in Slowenien im Wanderurlaub und hatten schon den Feuersalamander gesehen. Irgendwann sagte mein Mann zu mir, dass er den Grottenolm doch auch mal gerne sehen, die Fahrt aber 2 Stunden dauern würde. Ich wies ihn darauf hin, dass es keinen besseren Zeitpunkt als jetzt gäbe, näher kommen wir an den ursprünglichen Grottenolm nicht ran. Gesagt, getan – wir machten uns auf den Weg nach Postojna, um den Grottenolm zu sehen. Als wir dort ankamen, kauften wir zuerst Grottenolm-Merchandise-Artikel. Man muss sich ja einstimmen… Dann ging es los: Mit einer englisch-sprachigen Gruppe von rund 20 Personen fuhren wir mit einer kleinen Bahn in die Tropfstienhöhle. Die Höhle ist riesig und die Fahrt dauerte ca 20 Minuten. Danach wanderten wir noch ca 20 Minuten durch die Höhle, bis wir schließlich am Terrarium des Olms ankamen. Live in der Höhle kann man diesen nicht betrachten, aber es werden immer ein paar Exemplare in einem Terrarium gehalten für die Touristen. Es wird vor Ort aber sehr darauf geachtet, dass alle ruhig sind, keiner mit Blitz fotografiert oder gar an die Scheiben klopft.

Wir waren sehr aufgeregt – endlich sollten wir den Olm sehen. Für uns war das ein bisschen wie ein Auftritt von einem unserer Lieblingsmusiker. Der Touristenführer erklärte gerade die Besonderheiten des Olms, da stand ein Pärchen neben mir. Fragt der eine den anderen: „Wat is da los?“ Meint der andere trocken: „Irgend so ein Olm, der 100 Jahre alt wird.“ Ich wusste nicht, wohin mit meiner Empörung – was für ein Banause. „Irgend so ein Olm“. Ich wollte mich schon aufregen, als mein Mann meine Hand nahm und wir endlich an der Reihe waren, den Grottenolm anzuschauen. Natürlich war so ein kleines Tier vom Aussehen nicht besonders beeindruckend, aber wir waren zufrieden. Wir hatten nicht nur den Feuersalamander im Urlaub gesehen, sondern auch „irgend so einen Olm“.

In diesem Sinne
Ihre Höhlen-wandernde Tierarztfrau

Eine Hommage an meine Tiere – Elli

In der kommenden Zeit werden Sie immer mal wieder erfahren, warum ich jedes einzelne unserer Tiere so liebe. Ich fange mit Elli an.

Elli ist ein Mischlings-Hundemädchen, die wir aus dem Tierheim Bonn übernommen haben. Elli ist ein unglaublich dickköpfiger Hund mit einem riesengroßen Herzen.

• Elli frisst alles, was sie findet.
• Elli liebt Kinder.
• Wenn sie sich freut, reißt sie ihr Maul auf und zeigt allen ihre Zähne. Sieht gruselig aus, ist aber lieb gemeint.
• Sie hasst Mopedfahrer und liebt Busfahren.
• Wenn sie außer sich ist vor Freude, jault sie laut.
• Sie mag bestimmte Wege nicht, wir haben keine Ahnung, warum.
• Elli liegt auf Partys in der Mitte des Raums und es ist immer mindestens ein Kind bei ihr, das sie streichelt.
• Elli liebt Bäche.
• Sie flippt aus, wenn sie ihr Urlaubsherrchen sieht (der Hundetrainer, der sie während unseres Urlaubs betreut).
• Elli mag Erdbeeren sehr gerne, dann macht sie ganz spitze Lippen und genießt.

Wegen all dieser Eigenschaften und noch 1.000 mehr liebe ich Elli ganz besonders. Sie ist ein toller Hund, die mich manchmal zur Weißglut treibt. Aber dann wedelt sie wieder vorsichtig mit ihrem abgeschnittenen Hundeschwänzchen und ich bin ganz gerührt. Unser Mädchen!

In diesem Sinne
Ihre Elli-verliebte Tierarztfrau

Der Feuersalamander

2020 waren wir in Slowenien im Urlaub. Wir wandern gerne und das Land ist absolut fantastisch dafür. Wir haben drei Stationen ausgesucht, eine ziemlich abgelegen auf dem Land. Nachdem wir von Maribor aus fast da waren, aber mittlerweile 10 Minuten über eine Schotterpiste fuhren, fragten wir uns schon, ob wir noch richtig waren. Aber siehe da: Die Pension in Polzela war genauso schön, wie sie im Internet präsentiert wurde und absolut idyllisch.

Was war aber nun das Besondere an der Unterkunft? Unser vorletzter Tag war ein warmer Sommertag, als es gegen Abend anfing zu regnen. Am letzten Morgen gegen 6 Uhr ließ ich den Pudel zum Pieseln auf die Wiese vor dem Haus und was sah ich da: einen Feuersalamander. Seit Jahren versucht mein Mann schon, diese Amphibie hier bei uns in Deutschland zu finden. Es gibt sie, aber es braucht bestimmte Wetterbedingungen und Umgebung, um sie hervor zu locken. Ich stand also im Pyjama vor der Tür und rief eindringlich: „Ansgar, Du musst sofort kommen.“ Natürlich nicht zu laut, ich wusste ja nicht, auf was so ein Tier reagiert und sich verzieht. Aber mein Mann war schnell genug und endlich, endlich sah er einen Feuersalamander in Natur. Und es kam noch besser.

Bei der Verabschiedung erzählte ich unserem Gastwirt von dem Erlebnis am Morgen. Er blickte uns amüsiert an und meinte, dass in dem Wald drum herum alles voll wäre von denen, vor allem nach einem Regen. Wir haben uns also umgehend auf den Weg gemacht, um dieses Naturwunder zu bestaunen. Und tatsächlich sahen wir so viele Feuersalamender, dass es uns noch Tage beschäftigt hat. Ein unglaubliches Erlebnis!

Eine Igelei

Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Manchmal macht mir die Igelstation keinen Spaß. Es ist sehr viel Arbeit und hört nie auf. Dafür bekommt man wenig Dank. Aber so ist das halt. Und wenn dann so etwas passiert, wie die folgende Geschichte, bin ich wieder versöhnt:

Mir wurde ein Igelmännlein gebracht mit einem blutverschmierten Auge. Ich legte ihn schlafen und schaute mir das Auge an. Es befand sich eine dicke Kruste darauf, die ich vorsichtig entfernte, da ja der Verdacht bestand, dass das Auge involviert wäre. Als die Kruste entfernt war, zeigte sich jedoch, dass das Auge intakt war. Eventuell hatte es eine kleine Wunde gegeben oder der Igel hatte sich eine Zecke weg gekratzt. Dennoch beschlossen die Finderin und ich, dass er drei Tage bleiben sollte, um ihn ohne Parasiten wieder in die Freiheit zu entlassen.

In der ersten Nacht ist der junge Mann aus seiner Box entwischt. Weit gekommen ist er nicht, ich fand ihn in einem Stapel Zeitungen. Daraufhin habe ich seine Box – meiner Meinung nach- ausbruchssicher gemacht. Aber ein Igel findet Wege, wenn es Wege gibt. Am nächsten Morgen war er wieder weg. Ich habe alles abgesucht. Kein Igel. Nochmal alles abgesucht – wieder kein Igel. Ich stand ratlos in der Garage und blickte mich um. Schließlich dämmerte es mir: Er musste bei einem der anderen Igel sein. Und siehe da: Susi und Ingo teilten sich friedlich ein Schlafhäuschen, im Stroh aneinander gekuschelt.

Das sind die Momente, die mich mit aller Arbeit wieder versöhnen.

In diesem Sinne,
Ihre gerührte, nicht geschüttelte Tierarztfrau

Lieblingspatienten

Ich wurde vor kurzem gefragt, ob ich Lieblingspatienten habe. Grundsätzlich mag ich alle Tiere, sonst würde ich nicht mit meinem Mann eine Tierarztpraxis führen. Aber es gibt den ein oder anderen Patienten, der oder die sich heimlich in mein Herz schleicht.

Da gibt es Julie, eine Norwich-Terrier-Hündin. Bei unserer allerersten Begegnung wollte ich Julie streicheln, die bei ihrem Frauchen auf dem Schoß saß. Das passte Julie nicht und sie wollte mir ihre Zähnchen zeigen. Dann hat sie aber irgendwie gemerkt, dass ich nichts Böses im Schilde führe und seitdem werde ich heiß und innig geliebt. Laut Frauchen ist das eine große Ehre, da Julie nicht mit vielen Menschen gut kann. Ich freue mich immer sehr, wenn ich die kleine Knutschkugel sehe und werde dafür auch immer von oben bis unten abgeschleckt.

Dann kommt Foxi regelmäßig zu uns. Foxi ist ein kleiner Mischlingshund und lebt mit Herrchen in Bonn. Bei uns ist er viel zu gestresst, um irgendjemanden zu mögen oder nicht zu mögen und ich bin ihm herzlich egal. Aber mir ist er nicht egal. In den letzten Jahren ist sein Schnäuzchen ein bißchen grauer geworden und die älteren Tiere rühren mich immer besonders. Er wird von seiner Familie über alles geliebt und das merkt man auch.

Dr. Socke ist ein Kater, der im Außenbereich einer Abteilung des Marienhospitals gelebt hat. Er wurde von den Pflegekräften und Patienten versorgt. Dr. Socke war bei uns immer ein vorbildlicher Kater, stattlich, mit einem schönen Katerkopf, der Zeit seines Lebens draußen gelebt hat, ein Kämpfer. So kam er auch oft mit Kampfspuren zu uns zur Behandlung. Als die Abteilung geschlossen wurde, haben wir überlegt, ihn aufzunehmen, aber dann fand sich quasi eine Nachbarin und Dr. Socke wohnt jetzt drinnen und draußen.

Ich mag jede Taube, die uns gebracht wird. Ich glaube, mein Mann ist froh, dass ich „in Igel“ mache, sonst hätten wir einen Taubenschlag im Garten.

Es gibt noch ganz viele andere, die ich ganz toll finde: den Hund Tucker – immer fröhlich und so lieb; die Katze Goldi, um die wir soooo gekämpft haben, Gott sei Dank erfolgreich; den Hund Vegas, bei uns ein verschrecktes Huhn, draußen ein freundlicher Terrier; den Kater Ryo, ein erfolgreicher Tassofall; einige Hamster, die ich für ihre Namen liebe: Billie Eilig oder Hamstero. Ich könnte ewig weiter machen. Vielleicht mache ich das auch noch in einem zweiten Teil. Für heute ist das nur ein kleiner Einblick in mein großes Herz.

In diesem Sinne,
Ihre tiervernarrte Tierarztfrau

Ein Nachmittag beim Tierarzt

Da ich Ihnen bereits einen Vormittag beim Tierarzt vorgestellt habe, darf natürlich ein Nachmittag nicht fehlen:

Am Empfang sitzt Vanessa und telefoniert. Der Terminplan ist bereits voll und sie nimmt nur noch Notfälle an. Der Hund, „der sich kratzt“, muss dann bis nächste Woche warten. Ebenso die Katze, die in den letzten Wochen immer mal wieder erbrochen hat, jetzt aber putzmunter ist. Dennoch nehmen wir beide Fälle ernst. Der Hundehalterin empfehlen wir als erstes, sich eine Flohprophylaxe abzuholen. Der Katzenhalter wird aufgeklärt, dass Erbrechen für verschiedene Krankheiten ein Symptom sein kann und bei einer Katze von 8 Jahren ein Blutbild sehr sinnvoll ist. Der Termin wird auf den kommenden Dienstag festgelegt. Kim räumt derweil den OP auf und Anna kümmert sich um die Stationstiere. Es wird Fieber gemessen, Venenkatheter und Vitalfunktionen geprüft. Es treffen am Empfang jetzt auch die ersten Patienten ein. Frau Dr. Hirtsiefer behandelt ein Meerschweinchen mit Bauchschmerzen und mein Mann untersucht die Pfote eines Hundes, der seit Tagen daran leckt. Er entscheidet, dass der Hund schlafen gelegt werden sollte, um nach einem Fremdkörper in der Pfote zu suchen. Das erzeugt leichte Hektik am Empfang. Die Kunden, deren Termine später am Nachmittag sind, werden angerufen und gefragt, ob sie an diesem Tag zu einer anderen Zeit kommen können oder ob der Termin ganz verschoben werden soll. Die Kunden, die bereits warten, werden von Vanessa aufgeklärt, dass es jetzt etwas dauert. Bis der Fuß rasiert und vorbereitet ist, impft mein Mann noch eine Katze. Gabi passt derweil auf den Hund auf, während Alessia weiter in der Behandlung hilft.

Frau Dr. Hirtsiefer untersucht einen Hund mit Verdauungsbeschwerden. Es wird ein Test auf Giardien angeordnet. Dazu wurde der Hundehalterin bereits bei der Terminvergabe mitgeteilt, dass sie den Kot ihres Hunde sammeln soll, falls dieser bei der Untersuchung gebraucht wird. Mit diesem Sammelkot wird jetzt die Untersuchung auf die parasitären Einzeller gemacht. Die Laboruntersuchung übernehme ich, da Vanessa mit dem Telefon und der Medikamentenausgabe beschäftigt ist. Während die Hundehalterin auf ihren Test wartet, behandelt Frau Hirtsiefer eine Katze mit einer Augenentzündung. Gerade bei Augenentzündungen ist eine gründliche Untersuchung wichtig. Denn bei einer Hornhautverletzung sind beispielsweise bestimmte Mittel extrem schädlich fürs Auge. Die Hornhaut ist aber unverletzt und der Tierhalter bekommt eine Salbe mit für das Auge und vereinbart bei Vanessa einen Kontrolltermin.
Mittlerweile hat mein Mann die Pfote des Hundes untersucht und eine Granne entfernt. Grannen sind Pflanzenteile von Getreidepflanzen, die Widerhaken haben und tief ins Gewebe wandern können. Sie sind manchmal schwer zu finden. Der Hund bekommt einen Verband und einen Hundeschuh als Schutz. Als nächsten Patienten hat mein Mann einen Mops mit einer entzündeten Analdrüse. Das ist schmerzhaft, aber gut behandelbar. Der Hund bekommt Salbe, ein Schmerzmittel und Antibiose mit. Vanessa erklärt dem Halter am Empfang, wie er alles zu geben hat.

In der Zwischenzeit räumt Kim weiter auf. Wenn alles eingeweicht, gereinigt und für den Sterilisator eingetütet ist, desinfiziert sie sämtliche Flächen im sterilen und unsterilen OP. Die Zahnstation wird durchgespült und zur Seite gestellt. Dann bringt sie Wäsche nach unten in den Waschkeller, die Waschmaschine läuft bei uns fast den ganzen Tag.

So läuft der Nachmittag dahin. Manchmal schaffen wir es, halbwegs pünktlich fertig zu werden. Es gibt aber auch die Nachmittage, an denen ein Hund zum Termin erscheint, der 6 Wochen nach Läufigkeit Ausfluss hat, viel trinkt und dem es irgendwie nicht gut geht. Wir machen Blutwerte und einen Ultraschall. Es handelt sich um eine Gebärmuttervereiterung, die sofort operiert werden muss. Das bedeutet, wir besprechen, wer die OP vorbereitet, wer assistiert und wer bis spät abends bleibt. Direkt nachdem der letzte Patient gezahlt hat, geht es dann an die OP. Manchmal kommt ein Tier auch mit weniger klaren Symptomen. Ein Hund hatte Durchfall und Erbrechen, eigentlich nichts Schlimmes. Nach einem Tag ging es ihm aber richtig schlecht. Wir haben ihn stationär aufgenommen und ein Blutbild gemacht. Die Werte deuteten auf eine akute Addison-Krise hin. Das bedeutet, dass die Nebennniere, die für die Produktion von Mineral- und Glukokortikoiden zuständig ist, nicht mehr arbeitet. Ein weiterer Test bestätigte die Diagnose. Der Hund wird jetzt medikamentös eingestellt und bekommt sein Leben lang Medikamente. Das beeinträchtigt ihn aber erstmal nicht und er kann mit seiner Familie ein glückliches Leben führen.

Am Ende des Tages schließen wir die Kasse. Alle Mülleimer werden geleert, Handtücher gewechselt, ebenso Schwammtücher. Tische und Flächen werden gereinigt. Das Labor wird aufgeräumt und die Proben für das externe Labor kommen in den Laborbriefkasten. Die holt später der Laborfahrer ab. Das Arztschild wird ausgemacht, alle Lichter ebenso. Alle ziehen sich um, reden über die spannendsten Fälle und freuen sich auf den Feierabend.

Und am nächsten Tag geht dann alles wieder von vorne los. Und das ist gut so.

In diesem Sinne
Ihre gerne arbeitende Tierarztfrau

Senor Rudi, Fuerteventura

Es ist mal wieder einige Zeit ins Land gegangen, aber endlich bin ich wieder in der Stimmung und habe die Zeit, Ihnen eine neue Geschichte aus dem Leben der Tierarztfrau zu erzählen.

Mein Mann und ich waren gerade für ein paar Tage auf Fuerteventura. Am ersten Abend waren wir essen, die Restaurants haben bei einer Inzidenz unter 10 geöffnet. Auf dem Rückweg zurück zu unserem Ferienhaus huschte eine kleine, dunkle Gestalt vor unseren Füßen über die Straße in die Rabatten. Ich war mir zuerst sicher: eine Ratte. Mein Mann stimmte mir zu. Dann blieb die „Ratte“ aber sitzen und ich überdachte meine Wahl. „Das ist ein Igel“ – ich war mir sicher. Mein Mann: „Das ist eine Ratte, das ist doch kein Igel.“ „Das ist ein Igel.“ „Das ist eine Ratte.“ Das hätte noch lange so weitergehen können, aber wozu hat das Handy eine Taschenlampe? Es war – ein Igel, um genau zu sein ein afrikanischer Weißbauchigel. Was für ein Zufall. Mein Mann meinte trocken: „Die folgen Dir bis nach Fuerteventura.“ Ich musste lachen. Aber dann überlegte ich mir, wie das vielleicht abgelaufen sein könnte….

Im Igelhauptquartier in Deutschland: hektisches Hin- und Hergehusche, Igel tuscheln miteinander. Schließlich kommt der alte Silberrücken, äh, Silberstachel in den Raum. „Igelstation Henriette, Kessenich – die Tierarztfrau verreist. Wir brauchen eine Delegation.“ „Wohin reist sie?“ „Spanien.“ „Genauer?“ „Kanaren.“ Betretenes Schweigen macht sich breit. Der Silberstachel: „Kanaren…welche Insel? Hoffentlich nicht Fuerteventura.“ „Fuerteventura.“ Alle schweigen wieder. „Ja, nun“, räuspert sich der Silberstachel. „Da haben wir…“, er blättert hektisch in den Unterlagen. „Nur Rudi.“ Allgemeines Aufstöhnen. „Das geht nicht. Rudi hat es bisher immer vermasselt. Wir können nicht Rudi schicken. Was ist mit Maria?“ „Maria ist im Mutterschutz.“ „Carlo?“ „Friede seiner Asche.“ „Also Rudi?“ „Ja, Rudi.“ „Ob er es diesmal schafft, seine Schüchterheit zu überwinden?“ „Die Tierarztfrau ist nett, die wird es verstehen.“

Machen wir es kurz. Das ist Rudi:

Er hat seine Schüchternheit nicht überwunden. Dennoch haben wir uns sehr gefreut, über diesen „Empfang“ auf Fuerteventura. Das ist der erste afrikanische Weißbauchigel, den ich bisher in freier Wildbahn gesehen habe.

In diesem Sinne
Ihre hocherfreute Tierarztfrau

Hubi auf der Flucht

Wie Sie ja alle wissen, habe ich in der Garage neben der Praxis eine kleine Igelstation für verletzte Igel. Derzeit überwintere ich sechs von Ihnen. Der letzte im Bunde – Hubi – ging im Februar in sein Außengehege. Es war kalt, ich dachte, er geht sofort in den Schlaf. Von wegen – ich weiß bis heute nicht, wie er es geschafft hat – Hubi arbeitete sich eine Nacht aus seinem Gehege und verschwand. Ich war in heller Aufruhr. Ich stellte als erstes eine Wildtierkamera auf und natürlich Futter. Es wurde noch kälter. In der ersten Nacht war klar, Hubi lauerte irgendwo im Gebüsch: Er war am nächsten Morgen auf der Wildtierkamera deutlich mehrmals zu erkennen. Das beruhigte mich etwas. Am nächsten Abend saß ich bereit – kein Hubi. War er nicht mehr da? Das Futter am nächsten Morgen war weg. Wieder die Kamera hingestellt: Wunderbare Fotos von Hubi.

Ich setzte mich die nächste Nacht raus: – 10 Grad Kälte. Ich zog Thermounterwäsche, Boots, Skihose, Winterjacke, Schal, Handschuhe und Mütze an und setzte ich auf einem Thermopolster auf einen Campinghocker rund 3 Meter vom Fressplatz entfernt – und wartete. Und wartete. Und wartete. Es ist unglaublich, wie kalt es wird, wenn man bewegungslos rumsitzt. Es vergingen 40 Minuten, der Kerl war geduldig, ich auch. Schließlich hörte ich ihn kommen. In dem Moment ertönte hinter mir die Stimme meiner besorgten Nachbarin: „Christiane, alles in Ordnung?“. Ehrlich, ich mag sie furchtbar gerne, aber da hätte ich sie gerne auf den Mond geschossen. Hubi war natürlich über alle Berge. Erst da fiel mir auf, dass er mit Sicherheit auch vor mir flüchten würde, wenn ich mich ihm näherte.

Am nächsten Tag dachte ich mir dann eine klassische Cartoon-Falle aus. Gehege auf drei Steinen aufgebockt, Seil dran, ich wieder raus bei Minus 10 Grad. Hubi kam, fraß und ich siegte. Mit einem Ruck zog ich am Seil und die Falle schnappte zu. Ich hatte Hubi wieder eingefangen. Ich war unglaublich zufrieden. (Deutlich auf dem Foto zu sehen.) Ich hatte meinen Fehler wieder gut gemacht und konnte Hubi jetzt endlich in sein Winterquartier einsiedeln – auf unserem Balkon, denn raus kommt der erstmal nicht. Das Gehege steht wind- und wettergeschützt und beschwert, so dass an einen Ausbruch nicht zu denken ist. Und im Moment genießt der kleine Kerl auch immer noch den All-you-can-eat Service. Ich freue mich schon sehr, wenn er dann im Frühjahr zurück zu seinen Findern geht.

In diesem Sinne Ihre igelvernarrte Tierarztfrau

6 Gründe, warum ich manchmal nicht gerne arbeite

Puh, wir starten ins Jahr 2021 und ich komme mit so einem Thema? Ja, denn danach kann ich wieder ein paar lustige Geschichten schreiben, bis mich was Neues aufregt. Jetzt also: Warum ich manchmal nicht gerne arbeite.

  1. Wenn uns Geldgier unterstellt wird

Einer der beliebtesten Vorwürfe ist folgender: „Ihnen geht es nur ums Geld!“
Alternativ dazu: „Sie haben kein Herz für Tiere!“ (wenn wir nicht umsonst arbeiten wollen)
„Ist es nicht Ihre Pflicht, Tieren zu helfen?“ (umsonst natürlich)
Zu allerst: Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen. Wir zahlen Miete, Gehälter, Medikamente, Verbrauchsmaterialien und noch vieles mehr. Daher ist es selbstverständlich, dass wir unsere Leistung berechnen. Das bedeutet nicht, dass wir kein Herz für Tiere haben. Jeder, der uns und viele andere Tierärzte kennt, weiß, dass wir immer versuchen, alles möglich zu machen, aber – und hier gefällt es dann wieder einigen nicht – immer im Sinne und zum Wohl des Tieres. Das bedeutet, dass wir kein Tier einschläfern, weil das günstiger ist als eine Operation. Das bedeutet auch, dass wir eine gründliche Zahnsanierung anbieten, die nicht nur 150€ kostet. Und wer grundsätzlich auf die Finanzen achten muss, für den erstellen wir gerne einen Kostenvoranschlag und sprechen während der Behandlung die Preise ab. Wir möchten die bestmögliche Behandlung anbieten, aber nicht kostenlos!

2. Wenn wir ein Tier erlösen, weil es sich aufgrund einer Qualzucht furchtbar quält.

Zur Qualzucht gehören unter anderem folgende Tiere: alle Hunde mit platten Nasen (sie bekommen keine Luft, siehe Blogbeitrag „Kurznasen“), Schäferhunde, deren Hüftlinie sich derart nach unten neigt, dass die Hüfte bereits bei der Geburt schmerzt, Cavalier King Charles Spaniel, deren Kopf so deformiert gezüchtet wurde, dass er bei einigen aufs Gehirn drückt, Nackthunde und -katzen (kein Fell), Scottish Fold Katzen, deren Ohren nur durch einen Gendefekt entstehen, der den gesamten Knorpel im Körper betrifft und zu schlimmsten Knochendeformationen führt, der Dackel mit seiner langen Wirbelsäule (Bandscheibenvorfälle einprogrammiert), der Shar-Pei, der durch seine Falten keine Mimik mehr zeigen kann – das sind nur einige Tiere, die wir gezüchtet haben, damit sie uns gut gefallen.
Vor einiger Zeit mussten wir ein Tier dieser Art erlösen, es handelte sich um eine Katze, eine Scottish Fold. Die Katze war 1,5 Jahre alt und lief nicht mehr. Alle Füße waren so furchtbar deformiert durch die Erbkrankheit, dass uns selbst das Betrachten der Röntgenbilder weh tat. Die Halter wussten nichts von dieser Erbkrankheit, sie liebten ihre Katze sehr. Wir mussten das Tier erlösen, wer uns kennt, weiß, wie schwer uns das Herz dabei ist. Mal ganz abgesehen von den Tierhaltern, denen das schlimmste passiert ist, was passieren kann: seinen Liebling erlösen, obwohl der so jung ist und eigentlich das Leben noch vor sich haben könnte. Jetzt könnten einige sagen, dass man sich doch da vorher informieren sollte. Ja, das stimmt zwar und die Halter haben das in einer harten Lektion gelernt, aber sollte so eine Zucht nicht einfach verboten werden?

3. Sich einen Hund anzuschaffen, weil man die Rasse „schön“ findet.

Sie wollen sich einen Hund anschaffen? Prima, ein Hund ist toll. Aber informieren Sie sich bitte vorher. Ein Beispiel: Was wollen Sie mit einem Australian Shepherd, wenn Sie keine Schafherde haben? Diese Hunderasse gehört zu den intelligentesten. Sie wurden als Hütehunde gezüchtet und genau das ist ihre Aufgabe. Wenn sie nichts zum Hüten haben, langweilen sie sich. Und dann sucht er sich selbst eine Aufgabe, hütet z.B. die Familie. Es gibt ausreichend Geschichten von verhaltensauffälligen Hütehunden, die eigentlich gar nicht auffällig sind, wenn sie nur das dürften, wofür sie gemacht wurden: hüten.

Und wie finden Sie jetzt den passenden Hund? Es gibt unglaublich tolle Familien- und Begleithunde, die wurden nur für diesen Zweck gezüchtet. Suchen Sie sich aus diesen Rassen einen aus, wenn er nur ein Familienhund sein soll. Informieren Sie sich!

4. Medizinische Behandlung für ein Tier verweigern

Das erleben wir auch: Aus den unterschiedlichsten Gründen werden einem Tier die medizinisch notwendigen Medikamente nicht gegeben. Das beste Beispiel sind Schilddrüsenmedikamente für die Katze. Ja, es ist schwierig, einer Katze Medikamente zu geben. Aber gerade bei einer Schilddrüsenerkrankung ist es notwendig. Katzen haben im Normalfall eine Überfunktion der Schilddrüse, das führt zu schnellerem Herzschlag, schnellerem Stoffwechsel etc. Auf Dauer wird hier das Herz angegriffen, so dass bei einer fehlenden Behandlung das Tier vermutlich an einer Herzerkrankung versterben wird. Sie bekommen die Pillen nicht in das Tier: Holen Sie sich die Medikamte in flüssiger Form. Sie bekommen das auch nicht rein: Es gibt sogar eine Salbe, die Sie in die Ohren einmassieren können. Wenn Sie eine Wildkatze haben, kann ich mir in einigen, wenigen Fällen auch vorstellen, dass es gar nicht geht. Aber niemals gilt das für alle Fälle, die uns vorgestellt werden. Wenn Sie einem Tier Medikamente verweigern, kann es deswegen sterben. Bedenken Sie: Das Tier hat nur Sie!

5. Ein Tier einschläfern wollen, anstatt es abzugeben

Es kommt (selten) vor, dass Halter mit einem Tier zu uns kommen, dass sie einschläfern wollen, wir das aber nicht machen. Vielleicht hat der Halter kein Geld für eine notwendige Operation, vielleicht ist er überfordert, vielleicht will er das Tier auch einfach los werden – das sind alles legitime Gründe, das Tier abzugeben. Denn wenn ein Tier noch eine Chance hat, schläfern wir das Tier nicht ein. Wir bieten dann an, dass das Tier dem Tierheim überschrieben wird und wir es behandeln. Das Tierheim erstattet uns dann einen Teil der Kosten. Was wir aber gar nicht verstehen, ist es, wenn das Tier eingeschläfert werden soll, obwohl es eine Chance hat, nur weil die Halter meinen, es solle nicht ins Tierheim. Wir hatten mal eine Tierhalterin hier, die uns fragte, was sie dann ihren Kindern sagen solle? Ich war ein wenig fassungslos. Einschläfern ist besser als Tierheim? Nur um das einmal ganz klar zu sagen: Das Tierheim ist kein Ort der Hölle. Den Tieren geht es dort gut. Sie haben ein Dach über dem Kopf, Futter, Wasser, Auslauf und sehr viele liebe Leute, die streicheln oder Gassi gehen. Ja, eine eigene Familie ist bestimmt schöner, aber das Tierheim ist kein schlechter Ort. Und auf jeden Fall besser als der Tod!

6. Den Mund-Nasen-Schutz nicht ordentlich tragen

Diesen Punkt tausche ich vielleicht nochmal aus, aber im Moment ist er sehr aktuell. Wir müssen unsere Tierhalter immer wieder darauf hinweisen, dass sie bitte den Mund-Nasenschutz korrekt tragen. Da hängt der unter der Nase, wird ganz runter gezogen oder er wurde ganz vergessen. Wie kann das heute noch sein? Und wenn wir freundlich darauf hinweisen, werden wir angerüffelt. „Ich bekomme keine Luft.“ Wir tragen den ganzen Tag die Masken – wir leben alle noch. Hier muss allen gesagt sein, dass uns unsere Gesundheit sehr wichtg ist. Wenn Sie keine Maske tragen wollen, können Sie uns gerne Ihr Tier vor der Tür überreichen. Aber ohne Maske kommt niemand in unsere Praxis.