Tierärzte sollten keine Jogginghose tragen

Heute erzähle ich mal eine kleine Geschichte aus der Praxis – zumindest hat sie im weitesten Sinne damit zu tun.

Wir hatten Notdienst. Mein Mann war daheim und wollte gerade Sport machen, als ihm und mir auffiel, dass wir noch gar keinen Anruf erhalten hatten. Ich rief in der Praxis an und siehe da: Der Anrufbeantworter war nicht an. Mein Mann fuhr, in Jogginghose, direkt los, um ihn einzuschalten, damit Anrufer wussten, wie sie uns erreichen könnten.

Auf dem Rückweg sah er auf der Trierer Straße in Höhe Melbbad einen kleinen, herrenlosen Hund über die Straße laufen. Er hielt an und wollte ihn einsammeln. Es war offensichtlich, dass er nicht ausgesetzt worden war, sondern vermutlich einfach aus einer offenen Haustür entwischt und vom Besitzer noch nicht bemerkt. Hinter ihm hielt ein weiteres Auto an. Eine Frau stieg aus. Das Gespräch lief dann folgendermaßen:

Sie: „Ich habe Sie beobachtet.“
Mein Mann: „Wobei denn?“
Sie: „Sie haben den Hund eingesammelt.“
Mein Mann: „Genau. Ich bin Tierarzt und bringe den jetzt in meine Praxis, um den Chip abzulesen und den Besitzer zu informieren.“
Sie (meinen Mann von oben bis unten musternd): „Sie sind doch kein Tierarzt.“
Mein Mann reichte ihr seinen Tierarztausweis.
Sie: „Aber hier oben (sie meine die Tierarztpraxis Selzer) ist doch ein Tierarzt. Bringen sie den Hund doch dahin.“
Da hätte sich der Kollege aber gefreut. Er hatte nämlich, im Gegenzug zu meinem Mann, keinen Notdienst.
Mein Mann war mittlerweile so genervt, dass er ihr den Hund in die Arme drücken wollte mit dem Kommentar: „Dann nehmen Sie ihn doch bitte.“
Das wäre übrigens sehr lustig geworden. Denn sie hätte bestimmt den Tierarzt im Notdienst angerufen. Und wer wäre das gewesen? Richtig, mein Mann, der Tierarzt in Jogginghose, der trotz Tierarztausweis nie und nimmer ein Tierarzt sein konnte.
Den Hund nehmen wollte sie nun aber auch nicht. Schließlich packte mein Mann den Hund ein, fuhr in die Praxis, der Chip war jedoch nicht registriert. Also brachte er den kleinen Mann ins Tierheim. Dort hatte die Frau übrigens schon angerufen, vermutlich immer noch in der Annahme, mein Mann sei ein Hundefänger.

Nicht, dass mich jemand falsch versteht: Ich finde es sehr gut, dass die Frau sich eingesetzt hat, dass der Hund nicht von jemandem „geklaut“ oder mitgenommen wird und nicht einfach weggesehen hat.
Als mein Mann mir daheim die Geschichte erzählt hatte, musste ich herzlich lachen. Mein Mann schließlich auch. Das letzte Wort hatte er dann: „Das nächste Mal zieh ich mich doch lieber um.“

In diesem Sinne
Ihre Tierarztfrau