Ein Nachmittag beim Tierarzt

Da ich Ihnen bereits einen Vormittag beim Tierarzt vorgestellt habe, darf natürlich ein Nachmittag nicht fehlen:

Am Empfang sitzt Vanessa und telefoniert. Der Terminplan ist bereits voll und sie nimmt nur noch Notfälle an. Der Hund, „der sich kratzt“, muss dann bis nächste Woche warten. Ebenso die Katze, die in den letzten Wochen immer mal wieder erbrochen hat, jetzt aber putzmunter ist. Dennoch nehmen wir beide Fälle ernst. Der Hundehalterin empfehlen wir als erstes, sich eine Flohprophylaxe abzuholen. Der Katzenhalter wird aufgeklärt, dass Erbrechen für verschiedene Krankheiten ein Symptom sein kann und bei einer Katze von 8 Jahren ein Blutbild sehr sinnvoll ist. Der Termin wird auf den kommenden Dienstag festgelegt. Kim räumt derweil den OP auf und Anna kümmert sich um die Stationstiere. Es wird Fieber gemessen, Venenkatheter und Vitalfunktionen geprüft. Es treffen am Empfang jetzt auch die ersten Patienten ein. Frau Dr. Hirtsiefer behandelt ein Meerschweinchen mit Bauchschmerzen und mein Mann untersucht die Pfote eines Hundes, der seit Tagen daran leckt. Er entscheidet, dass der Hund schlafen gelegt werden sollte, um nach einem Fremdkörper in der Pfote zu suchen. Das erzeugt leichte Hektik am Empfang. Die Kunden, deren Termine später am Nachmittag sind, werden angerufen und gefragt, ob sie an diesem Tag zu einer anderen Zeit kommen können oder ob der Termin ganz verschoben werden soll. Die Kunden, die bereits warten, werden von Vanessa aufgeklärt, dass es jetzt etwas dauert. Bis der Fuß rasiert und vorbereitet ist, impft mein Mann noch eine Katze. Gabi passt derweil auf den Hund auf, während Alessia weiter in der Behandlung hilft.

Frau Dr. Hirtsiefer untersucht einen Hund mit Verdauungsbeschwerden. Es wird ein Test auf Giardien angeordnet. Dazu wurde der Hundehalterin bereits bei der Terminvergabe mitgeteilt, dass sie den Kot ihres Hunde sammeln soll, falls dieser bei der Untersuchung gebraucht wird. Mit diesem Sammelkot wird jetzt die Untersuchung auf die parasitären Einzeller gemacht. Die Laboruntersuchung übernehme ich, da Vanessa mit dem Telefon und der Medikamentenausgabe beschäftigt ist. Während die Hundehalterin auf ihren Test wartet, behandelt Frau Hirtsiefer eine Katze mit einer Augenentzündung. Gerade bei Augenentzündungen ist eine gründliche Untersuchung wichtig. Denn bei einer Hornhautverletzung sind beispielsweise bestimmte Mittel extrem schädlich fürs Auge. Die Hornhaut ist aber unverletzt und der Tierhalter bekommt eine Salbe mit für das Auge und vereinbart bei Vanessa einen Kontrolltermin.
Mittlerweile hat mein Mann die Pfote des Hundes untersucht und eine Granne entfernt. Grannen sind Pflanzenteile von Getreidepflanzen, die Widerhaken haben und tief ins Gewebe wandern können. Sie sind manchmal schwer zu finden. Der Hund bekommt einen Verband und einen Hundeschuh als Schutz. Als nächsten Patienten hat mein Mann einen Mops mit einer entzündeten Analdrüse. Das ist schmerzhaft, aber gut behandelbar. Der Hund bekommt Salbe, ein Schmerzmittel und Antibiose mit. Vanessa erklärt dem Halter am Empfang, wie er alles zu geben hat.

In der Zwischenzeit räumt Kim weiter auf. Wenn alles eingeweicht, gereinigt und für den Sterilisator eingetütet ist, desinfiziert sie sämtliche Flächen im sterilen und unsterilen OP. Die Zahnstation wird durchgespült und zur Seite gestellt. Dann bringt sie Wäsche nach unten in den Waschkeller, die Waschmaschine läuft bei uns fast den ganzen Tag.

So läuft der Nachmittag dahin. Manchmal schaffen wir es, halbwegs pünktlich fertig zu werden. Es gibt aber auch die Nachmittage, an denen ein Hund zum Termin erscheint, der 6 Wochen nach Läufigkeit Ausfluss hat, viel trinkt und dem es irgendwie nicht gut geht. Wir machen Blutwerte und einen Ultraschall. Es handelt sich um eine Gebärmuttervereiterung, die sofort operiert werden muss. Das bedeutet, wir besprechen, wer die OP vorbereitet, wer assistiert und wer bis spät abends bleibt. Direkt nachdem der letzte Patient gezahlt hat, geht es dann an die OP. Manchmal kommt ein Tier auch mit weniger klaren Symptomen. Ein Hund hatte Durchfall und Erbrechen, eigentlich nichts Schlimmes. Nach einem Tag ging es ihm aber richtig schlecht. Wir haben ihn stationär aufgenommen und ein Blutbild gemacht. Die Werte deuteten auf eine akute Addison-Krise hin. Das bedeutet, dass die Nebennniere, die für die Produktion von Mineral- und Glukokortikoiden zuständig ist, nicht mehr arbeitet. Ein weiterer Test bestätigte die Diagnose. Der Hund wird jetzt medikamentös eingestellt und bekommt sein Leben lang Medikamente. Das beeinträchtigt ihn aber erstmal nicht und er kann mit seiner Familie ein glückliches Leben führen.

Am Ende des Tages schließen wir die Kasse. Alle Mülleimer werden geleert, Handtücher gewechselt, ebenso Schwammtücher. Tische und Flächen werden gereinigt. Das Labor wird aufgeräumt und die Proben für das externe Labor kommen in den Laborbriefkasten. Die holt später der Laborfahrer ab. Das Arztschild wird ausgemacht, alle Lichter ebenso. Alle ziehen sich um, reden über die spannendsten Fälle und freuen sich auf den Feierabend.

Und am nächsten Tag geht dann alles wieder von vorne los. Und das ist gut so.

In diesem Sinne
Ihre gerne arbeitende Tierarztfrau